Ein Rückblick auf das PRAEVENIRE Vorreiter Event Digital Health 2026
Am 16. April 2026 fand das PRAEVENIRE Vorreiter Event Digital Health 2026 in Wien statt – moderiert von Prof. Dr. Reinhard Riedl und Sandra Mahr (DIO) – ein hochkarätig besetzter Tag, der eine klare Botschaft hatte: Der European Health Data Space (EHDS) ist keine ferne Zukunftsvision mehr. Er ist Realität. Und er wird das österreichische Gesundheitssystem – und damit auch die Arbeit von European Digital Innovation Hubs (EDIHs) wie dem DIO – grundlegend verändern.
Dr. Hans Jörg Schelling (PRAEVENIRE) eröffnete den Tag mit einem klaren Auftrag: Vorhandene Lösungen endlich richtig nutzen, den Datenschutz nicht als ewigen Bremsblock akzeptieren und die digitale Transformation aktiv vorantreiben. Den europäischen Rahmen dazu lieferte die Eröffnungskeynote von Bundesministerin Korinna Schumann per Video: Der EHDS verfolgt drei übergeordnete Ziele – Daten sollen dort sein, wo sie gebraucht werden, eine solide Basis für Forschung schaffen und die digitale Souveränität stärken. Akzeptanz, so Schumann, entsteht nicht durch Technik allein, sondern durch verantwortungsvolle und transparente Regeln.
Was ist der EHDS – und warum jetzt?
Der European Health Data Space (EHDS), festgelegt in der Verordnung (EU) 2025/327, ist mehr als ein Digitalisierungsprojekt. Er ist ein Paradigmenwechsel: Gesundheitsdaten sollen europaweit interoperabel, sicher geteilt und für Forschung nutzbar gemacht werden – bei gleichzeitiger Wahrung der digitalen Souveränität von Patient:innen.
Franziska Sprecher von der Universität Bern brachte es juristisch auf den Punkt: Der EHDS verpflichtet Österreich, die Kompatibilität seines Gesundheitssystems mit einem europäischen Datenraum herzustellen. Das ist keine Einladung – das ist eine Pflicht. Was das bedeutet, ist erheblich:
- Systemumbau statt punktueller Anpassung – bestehende Strukturen wie ELGA müssen erweitert, nicht nur gepatcht werden
- Föderale Herausforderung – Österreichs dezentrales Gesundheitssystem mit neun Bundesländern macht Einheitlichkeit zur echten Herausforderung
- Vertrauensfrage – ohne Vertrauen in das System werden weder Patient:innen noch Ärzt:innen mitmachen
- Politische Grundsatzentscheidungen stehen noch aus: opt-out vs. opt-in, Gebührenmodelle, institutionelle Ausgestaltung, Finanzierung
Und am Ende dieser juristischen Analyse stand ein Satz, der im Raum nachklang: Der EHDS kommt – unbedingt. Die Frage ist nicht ob, sondern wie gut Österreich vorbereitet ist.
Warum Daten das Fundament von allem sind
Bevor man über KI im Gesundheitswesen sprechen kann, muss man über Daten sprechen. Das war ein roter Faden, der sich durch den gesamten Tag zog.
FH-Prof. Dr. Torsten Priebe von der FH St. Pölten (EUDRES) brachte es auf eine prägnante Formel: „KI ohne gute Daten ist wie eine Chirurgin ohne saubere Instrumente.“ Gemeint war: Die Qualität des Outputs ist untrennbar von der Qualität des Inputs.
Was relevante Gesundheitsdaten ausmacht – Vollständigkeit, Aktualität, Standardisierung nach FHIR, ICD oder SNOMED CT – und wo die Probleme liegen – unterschiedliche Formate, fehlende Metadaten, doppelte Einträge – das wurde eindrücklich klar. Dr. Benjamin Glaser (Ärztekammer Wien) ergänzte: Ärzt:innen sind das Quality Gate. Daten müssen immer mit Kontext genutzt werden, und ihre Relevanz muss ständig geprüft werden.
Besonders aufschlussreich war Priebes Blick auf Sekundärdaten: Abrechnungsdaten, Behandlungsverläufe, onkologische Register – täglich produziert, kaum für Forschung genutzt. Sein Projekt APOG zeigt, wie das anders gehen kann: Das NÖ-weite Onkologie-Informationssystem mit rund 79.000 dokumentierten Patient:innen wird mit kontrolliertem Zugang, Pseudonymisierung und KI-Unterstützung zur translationalen Forschungsplattform. Medizinische Expertise bleibt dabei unverzichtbar – Interpretation und Entscheidung bleiben beim Menschen.
Einen anderen Einstiegspunkt zeigte Dr. Hans Georg Mustafa (Medilab Salzburg): Der Laborwert als Schlüssel. Durch digitale Intelligenz lassen sich aus Blutwerten weit mehr Informationen gewinnen als bisher – digitale Biomarker, KI-gestützte Früherkennung, ein völlig neues diagnostisches Potenzial, das direkt in den EHDS einfließen kann.
Digitale Souveränität: Acting with Choice
Ein Konzept zog sich wie ein Leitfaden durch den Tag: digitale Souveränität. Dr. Benjamin Glaser brachte es auf den Punkt: Souveränität = Acting with Choice. Datenhoheit bleibt beim Ursprung – Arzt, Patient, Institution. Kontrollierter Zugriff, Transparenz über Nutzung, sichere Infrastruktur. Der Dataspace als Datenökosystem – dezentral, interoperabel, vertrauenswürdig – ist das technische Modell dahinter, das Tobias Hofer in einer praktischen Live-Demo erlebbar machte: Teilnehmende konnten eigene Datenräume erstellen und das Konzept vom Abstrakten ins Konkrete übersetzen.
Das Takeaway der Ärztekammer war unmissverständlich: „Kein EHDS Design ohne Ärztinnen und Ärzte!“ – denn wer die Daten täglich erzeugt und nutzt, muss in der Gestaltung des Systems zentral sein.
Mag. Dr. Anton Dunzendorfer (AIT Austria) bettete das in den internationalen Kontext ein: Europa ist langsamer als China und die USA – aber der EHDS ist auf Nachhaltigkeit ausgelegt, nicht auf Speed-to-Market. Governance und Datenschutz sind dabei kein Hemmnis, sondern das Fundament, auf dem langfristiges Vertrauen entsteht.
Stakeholder im Mittelpunkt: Patient:innen, Politik und Praxis
Digitalisierung im Gesundheitswesen betrifft alle. Entsprechend vielfältig waren die Perspektiven des Tages.
Angelika Widhalm (Bundesverband Selbsthilfe Österreich) machte deutlich, was Patient:innen vom EHDS erwarten dürfen: EU-weiter Zugang zu den eigenen Daten, Kontrolle über deren Nutzung, aktive Mitwirkung an der eigenen Patientenakte, Transparenz und Rechtsschutz. Ihre Botschaft war klar: Echte Patient:innenbeteiligung ist kein Nice-to-have – sie ist strukturelles Prinzip. Mag. Claudia Neumayer-Stickler (Konferenz der Sozialversicherungsträger, per Video) ergänzte aus Sicht der Sozialversicherung: Versicherte sind Träger des Systems und haben echte Rechte und echte Mitsprache verdient.
Die politische Dimension: Regulierung als Gestaltungsaufgabe
Der Einstieg in den Tag war politisch – und das zu Recht. Denn ohne politischen Willen und klare regulatorische Rahmenbedingungen bleibt die schönste Datenarchitektur Theorie.
Robert Bauchinger (OÖ Gesundheitsholding) gab Einblick in die konkreten politischen Umsetzungsschritte auf Landesebene:
- Verbesserung der Datenlage als Grundlage für alles weitere
- Steuerung der Patient:innenwege durch Digitalisierung
- Stärkung von KI und Telemedizin
- ELGA: Mehrjahresplanung, Vollständigkeit, bessere Governance
- Gesundheitsportal der Länder mit klaren Bundesvorgaben und Schnittstellen
- Videokonsultation und Serviceline 1450 als konkrete Patient:innenwege
Auf europäischer Ebene:
- Der EHDS schafft eine verpflichtende europäische Dateninfrastruktur
- Staatlich gesteuerter Zugang zu Daten (sog. „data permits“)
- Ein Hybridmodell aus Grundrechten und Datenökonomie
- Funktionale Gleichbehandlung aller Akteure – ob öffentlich, privat oder akademisch
- Geteilte Finanzierungs- und Verantwortungsstrukturen
Markus Wieser (Arbeiterkammer Niederösterreich) stellte die unbequemste Frage des Tages: Wer finanziert das Gesundheitssystem, wenn Automatisierung, Robotisierung und KI die Arbeitswelt verändern – und eine 40-Prozent-Einkommenslücke droht? Abgaben müssen neu gedacht werden. Eine Frage, die weit über das Gesundheitswesen hinausgeht.
Fazit: Der EHDS ist kein Selbstzweck
Die abschließende Podiumsdiskussion mit Angelika Widhalm, Dr. Clemens Martin Auer (European Health Forum Gastein) und Dipl. Ing. Mag. Günther Tschabuschnig (DIO) stellte die Frage, die uns als EDIH direkt betrifft: Wie stellen wir Stakeholder-Akzeptanz sicher?
Am Ende des Tages blieb ein Satz im Kopf: „Sekundärdaten allein machen noch keine Forschung.“ Wissenschaftlicher Mehrwert entsteht erst durch Datenqualität und Standardisierung, durch den Schutz der Privatsphäre, durch Governance und Vertrauen – und durch medizinische Expertise, die KI-Outputs einordnen und interpretieren kann.
Das gilt für den EHDS insgesamt: Er ist kein Selbstzweck und kein reines Technologieprojekt. Er ist eine politische, rechtliche und gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe – mit dem Ziel, Gesundheitsversorgung in Europa besser, gerechter und effizienter zu machen.
Für das DIO-Netzwerk bedeutet das: Wir sind mittendrin. Die Fragen rund um Datenqualität, KI-Readiness, digitale Souveränität und Innovationsbegleitung sind genau die Fragen, für die EDIHs da sind.
Das Gespräch hat begonnen. Wir sind dabei.





